Was ist Aphasie?
Sprachlos - von Aphasie betroffen
Plötzlich nicht mehr sprechen zu können, ist die schreckliche Erfahrung, die ein Aphasiker durchmacht.
Aphasie ist die Folge einer Schädigung der linken Hirnhälfte. Jeder kann durch einen Schlaganfall, (Hirninfarkt, Hirnblutung) oder durch einen Unfall eine Aphasie erleiden.
Aphasie bedeutet "Verlust der Sprache".
Aphasiker haben meistens ihre Sprache nicht völlig verloren. Aphasie ist vielmehr eine Sprachstörung, die in unterschiedlichen Formen und Schweregraden auftritt.
Aphasie hat nichts mit geistiger Behinderung oder psychischer Störung zu tun. Die Aphasie verändert nur die Fähigkeit, sich mit Sprache auszudrücken und Sprache zu verstehen. Oft ist die Fähigkeit beeinträchtigt, mit Zahlen umzugehen (Dyskalkulie) oder Zahlwörter werden verwechselt.
Für einen Nichtbetroffenen ist es schwer sich vorzustellen, dass die Sprache gestört, aber das Denken und die Fähigkeit zur Kommunikation ohne Sprache noch erhalten ist (Dr. Luise Lutz).
"Die Sprache zu verlieren ist grausam...
und berührt die persönliche Würde."
Bundespräsident Roman Herzog, Sept. 1996
Häufige zusätzliche Behinderungen:
- Halbseitige Lähmungen (meist rechts)
- Sehbehinderungen (Hemianopsie)
- Reizbarkeit und Gefühlsschwankungen
- Krampfanfälle
Störungen:
- der Körperwahrnehmung (Sensibilität)
- der Sprechmotorik (Dysartrie)
- der Bewegungsplanung (Apraxie)
- des sprachlichen Gedächtnisses und der Konzentration
- des Antriebs
Aphasie ist keine seltene Behinderung
Man schätzt, dass jährlich 80.000 Menschen in Deutschland neu an dieser Sprachstörung erkranken
(über 80% durch Schlaganfall).
Nur wenige haben die Chance, alle Störungen völlig zu überwinden.
Aphasiker
- haben Schwierigkeiten ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken
- erkennen oft nicht, dass ihre Worte nicht ihren Gedanken entsprechen
- verstehen zum Teil Gehörtes nicht oder erkennen Geschriebenes nicht richtig
- können häufig nicht mehr schreiben und oft nicht mehr rechnen
- müssen Tätigkeiten mit der linken Hand neu erlernen
Umgang mit Aphasie
Für Aphasiker
- Auch Ihre Gesprächspartner sind von der Aphasie betroffen. Haben Sie Geduld mit Ihnen.
- Verhören ist möglich. Prüfen Sie: "Habe ich wirklich alles verstanden?"
- Zeigen Sie sofort an, wenn Sie etwas nicht verstehen! Ihre Gesprächspartner können nicht immer erkennen, ob Sie alles verstanden haben.
- Achten Sie auf Ihren Zuhörer! Halten Sie Augenkontakt. Prüfen Sie: Weiß mein Zuhörer, worüber ich spreche?
Für Nichtaphasiker
1. Das Schweigen verstehen
- Zuhören bedeutet: Warten! Der Aphasiker braucht mehr Zeit für seine Äußerung.
- Sprechen steckt an! Das, was der Aphasiker sagt, wird häufig vom Gesprächspartner beeinflußt. Nicht zu früh mit Wortvorschlägen helfen!
- Mit dem Herzen hören! Darauf achten, ob die Absicht des Aphasikers verstanden wurde.
- Eselsbrücken benützen! Ein Wort, das nicht paßt, nicht verwerfen - es könnte zum beabsichtigten Wort hinführen.
- Die Dinge sprechen lassen! Mitdenken und genaues Beobachten der Situation helfen beim Verstehen.
- Das Thema suchen! Gemeinsam mit dem Aphasiker herauszufinden versuchen, worauf sich seine Aussage bezieht - er kann das Thema oft nicht äußern.
- Durch die Sprache hindurchhören! Bei unverständlichen Äußerungen nicht ständig unterbrechen, abwarten, daß sich der Sinn nachträglich ergibt.
- Nur auf den Inhalt achten - die Form übersehen! Nicht ständig verbessern!
- Nachsprechen ist keine echte Kommunikation! Nicht auf sprachliche Äußerungen bestehen, auch "Nicht-sprachliche " akzeptieren.
- Konzentrieren hilft nicht! Schlüsselsatz: "Vielleicht kannst Du es später sagen!"
- Bei Perseverationen ablenken. Bei hartnäckigen Wortwiederholungen unterbrechen und ablenken.
- Nicht aufgeben! Schlüsselsatz: "Wir werden es herausfinden - fang nochmal an!"
2. Das Verstehen erleichtern
- Ruhe ist wichtig. Hintergrundgeräusche stören das Verstehen. Zweiergespräche sind leichter als Gruppengespräche.
- Nonverbale Signale setzen. Neben Tonfall, Mimik und Körpersprache auch Schrift und Bild einsetzen.
- Lautstärke nicht erhöhen. Ruhig, nicht zu schnell, aber natürlich und in normaler Lautstärke sprechen.
- Den Wortlaut variieren. Bei Nichtverstehen andere Formulierungen wählen.
- Kürze kann helfen. Je nach den individuellen Möglichkeiten der Aphasiker nach kürzeren Abschnitten, Satztielen / Sätzen / kurzen Passagen, Pausen einlegen.
- Ja / Nein - Fragen bevorzugen. Offene Fragen und Alternativ - Fragen sind oft zu schwer.
Über Aphasie ("Sprachverlust")
Wer seine Sprache verliert, verliert seine Umgebung,
wer seine Umgebung verliert, verliert sich selbst.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen heute Abend müde, aber zufrieden ins Bett, schlafen ohne Probleme ein - und wenn Sie morgen früh aufwachen,
sind Sie so verwandelt wie Gregor Samsa in der Kafka-Erzählung "Die Verwandlung": Sie liegen wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken,
Ihre rechte Seite ist unbeweglich. Sie könne sich nicht drehen und nicht aufstehen. Ihre Familie steht erschreckt um Sie herum. Sie erklären,
was los ist- aber niemand hört Ihnen zu - man versteht Sie nicht. Und Sie merken, dass die anderen eine Sprache sprechen, die Sie nicht verstehen.
Sie haben Schmerzen, Ihnen ist übel, Sie müssen dringend ins Bad - aber Sie haben Probleme, den anderen klarzumachen, weder mündlich,
noch schriftlich, noch durch Gesten. Sie fühlen sich ausgeschlossen, sind total einsam und hilflos, und Sie wissen nicht wie Sie in diesen Zustand
hineingeraten sind und ob er je wieder aufhört.
Kafkas Schreckensvision ist nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Jedes Jahr werden
80 000 Menschen von solch einem Schicksalsschlag getroffen: Durch eine Verletzung der linken Hirnhälfte bei einem Schlaganfall verlieren sie die Fähigkeit,
mit Sprache umzugehen.
Geben Sie nicht auf!
(Aus dem Buch "Das Schweigen verstehen" von Dr. Luise Lutz)


